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Sonntag, 10. Mai 2015

Buchvorstellung: Ursula Poznanski - Saeculum

Wieder einmal war es verdammt lange still auf diesem Blog, dabei kann ich mich über mangelnde Themen eigentlich wirklich nicht beschweren. Nun, sei es drum, heute möchte ich mal wieder ein Buch vorstellen, welches mir kürzlich in die Hände gefallen ist und einen positiven Eindruck hinterlassen hat.

Autor: Ursula Poznanski
Titel: Saeculum
Erschienen: 2011

In der Jugendbuchabteilung unserer örtlichen Bücherei fiel mir im vergangenen Monat zufällig "Saeculum" von Ursula Poznanski in die Hände. Der Titel hatte mein Interesse geweckt, und bei Betrachtung von Design und Klappentext wuchs dieses Interesse nur noch.

Hauptperson in "Saeculum" ist der junge Medizinstudent Bastian. Obwohl er ein sehr fleißiger Student ist, kann er es seinem erfolgsversessenen Vater nie Recht machen und das Verhältnis zwischen ihnen könnte kaum schlechter sein. Das erste Mal richtigen Widerstand leistet Bastian ihm für ein Mädchen. Erst vor kurzem hat er durch einen Zufall Sandra kennengelernt. Sandra ist LARPerin, sie nimmt Bastian mit auf seinen ersten Mittelaltermarkt und lädt ihn ein, sie und ihre LARP-Gruppe "Saeculum" ein langes Wochenende lang auf eine Convention zu begleitet.

Obwohl Bastian kaum ahnt, was ihn erwartet, sagt er gegen den Willen seines Vaters zu. Die Gruppe begibt sich in ein abgelegenes Waldstück und lässt allen Komfort des modernen Lebens hinter sich. Doch bald schon häufen sich mysteriöse Vorfälle, Mitglieder der Gruppe werden verletzt und verschwindet. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass die Gerüchte um einen alten Fluch, der auf dem Gelände lasten soll, der Wahrheit entsprechen. Doch kann das wirklich sein und wird der Wald die Gruppe wieder freigeben?

Ursula Poznanski
ist mit "Saeculum" ein überaus spannender Jugendroman gelungen, der meiner Meinung nach auch für Erwachsene interessant ist. Mir persönlich hat natürlich das Setting des Romans besonders gut gefallen. Ich bin zwar selber kein Rollenspieler, dafür aber in der Mittelalterszene unterwegs. So musste ich auf den ersten Seiten quasi am laufenden Band schmunzeln, weil die Beschreibung von Bastians Gefühlen und Gedanken bei seinem ersten Besuch auf einem Mittelaltermarkt mir so unheimlich bekannt vorkamen. 

Auch die unterschiedlichen Charaktere in der Gruppe wirkten auf mich durchaus überzeugend angelegt, sie alle konnte ich mir lebhaft in LARP-und Mittelalterkreisen vorstellen. Die Esoterikerin Doro, die eigensinnige Iris und der unsichere Lars, der stets bewundernd zur Führungspersönlichkeit Paul aufblickt - sie alle könnten sich so oder so ähnlich auch auf dem nächsten Markt tummeln.

Die Autorin versteht es, ihre Geschichte spannend zu schildern. Über weite Strecken wollte ich das Buch deswegen gar nicht mehr aus der Hand legen. Irgendwann wird der Roman fast schon zu einer Studie der menschlichen Seele und man beginnt sich ernsthaft zu fragen, wie weit der Einzelne, wie weit die Gruppe, in einer Ausnahmesituation bereit ist zu gehen. Und wundert sich, wie schnell die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Einzig die Auflösung der ganzen Geschichte um den Fluch, der Wirklichkeit zu werden scheint, war für mich beim Lesen ein kleiner Kritikpunkt. Da ich hier natürlich nicht spoilern möchte: Das Ganze wirkte auf mich schlicht etwas überkonstruiert, um so in der Realität funktionieren zu können. Dem positiven Gesamteindruck tut das jedoch keinen wirklichen Abbruch. Mir hat "Saeculum" ausgesprochen gut gefallen und ich überlege, mich bald auch mal an einen von Poznanskis anderen Romanen zu wagen. Soll sich lohnen, wurde mir gesagt.

Meine Bewertung:

♥♥♥♥
[4/5]

Mittwoch, 4. Februar 2015

Nordische Mythologie, Teil 2 - Die Weltvorstellung in der nordischen Mythologie

Lange hat es gedauert, aber nun habe ich es endlich geschafft, den zweiten Teil meines Artikels zur nordischen Mythologie fertigzustellen. Diesmal soll es um das Bild der Welt gehen, welches in den Mythen vermittelt wird. Viel Spaß damit!

Die Entstehung der Welt in der nordischen Mythologie:

Keine Mythologie, die etwas auf sich hält, kommt ohne Schöpfungslegende aus. Da bildet auch die nordische Mythologie keine Ausnahme. Dazu, wie diese Entstehungsgeschichte der Welt aussieht, liefert der Isländer Snorri Sturluson in seiner mittelalterlichen Prosa-Edda den wohl entscheidendsten Beitrag.

Am Anfang war seiner Schilderung nach nichts als Chaos. Im hohen Norden befand sich Niflheim, wo ewiges Eis herrschte. Im südlichen Muspelheim hingegen gab es nur Feuer. Eines Tages kamen diese beiden Extreme in einem Graben namens Ginnungagap in Berührung miteinander und aus ihnen entstand das erste lebende Wesen, der Urriese Ymir.

Dieser nahm sich bald eine Gefährtin, die Kuh Audumla, die ihn auch nährte. Wieso es ausgerechnet eine Kuh war und woher diese kam, wirft natürlich gewisse Fragen auf – doch in der Mythologie ist es nun einmal wie in der Religion und manche Fragen werden wohl für immer ungeklärt bleiben.

Jedenfalls gelang es jener Urkuh, den ersten Menschen aus einem Stein zu lecken. Dieser erhielt den Namen Búri. Ymir hingegen gebar aus seiner Achselhöhle das erste Riesenpaar.

Der Menschensohn Búri bekam irgendwann einen eigenen Sohn, der sich mit einer Riesentochter verband. Zusammen bekamen sie drei Kinder: Odin, Vili und , ihres Zeichens die ersten Götter.

Undankbar, wie Verwandte zuweilen sind, brachten diese drei jungen Götter eines Tages Ymir um. Ihre Tat sollte jedoch durchaus positive Folgen für die Zukunft haben, denn aus seinen Körperteilen gestalteten sie die Welt. So wurde aus Ymirs Schädel der Himmel gemacht und aus seinem Gehirn die Wolken. Aus seinem Fleisch schufen sie Inseln und Länder und aus seinem Blut das Meer, die Augenbrauen verwendeten sie für Midgard, die Heimat der Menschen.

Insgesamt standen die Götter den Riesen damals wohl schon recht negativ gegenüber, denn sie verbannten die übrigen von ihnen in das unwirtliche Utgard. Menschen schienen ihnen da schon deutlich mehr zuzusagen, so dass sie aus angeschwemmten Stämmen das erste Menschenpaar Ask und Embla schufen. Ich schätze, ich bin nicht der einzige, der hier einen dezenten christlichen Einfluss wittert – auch wenn dieser in der aktuellen Forschung eher angezweifelt wird.

Nachdem wir nun also gesehen haben, wie laut nordischer Mythologie die Welt entstanden ist, scheint es im Anschluss nur logisch, sich einmal anzuschauen, wie die fertige Welt ausgesehen haben soll.

Wie sieht sie also aus, die Welt der nordischen Mythologie?

Der Vorstellung nach, die in den schriftlichen Quellen zur nordischen Mythologie vermittelt wird, hat die Welt einen Aufbau, der uns aus heutiger Sicht etwas seltsam anmuten mag.

Die Menschen leben dieser Vorstellung nach in Midgard. Außerhalb ihrer Welt liegt Utgard. Dort leben fremde Wesen wie Trolle und Riesen, die selbst den Göttern gefährlich werden können. Getrennt sind die beiden Welten durch ein riesiges Meer, das kein Mensch überqueren kann, weil in ihm die riesige Midgardschlange haust. Dieses Ungeheuer ist eines der Kinder des listigen Gottes Loki. Oft wird sie als Ouroboros dargestellt – sie beißt sich also in den eigenen Schwanz und bildet so einen Weltkreis.

Dann gibt es da natürlich noch Asgard, den Sitz der Götter. Dieser kann von Midgard aus über die Regenbogenbrücke Bifröst erreicht werden. Bewacht wird sie vom Gott Heimdall, einem Sohn Odins.

Im Zentrum des ganzen Weltengebildes jedoch steht ein Baum – Yggdrasil, die Weltenesche, die auch die ganze Welt umspannt. Ihre Wurzeln reichen bis in die Unterwelt, wo die Totengöttin Hel herrscht und seine Krone stützt das Himmelszelt. Am Fuße des Baumes entspringen verschiedene Quellen, unter ihnen auch jene, an der Odin von Mimir die Runen empfängt. Auch die drei Nornen haben an Yggdrasils Fuß ihren Sitz und weben dort die Schicksalsfäden der Menschen.

Doch wie das nun einmal mit lebenden Wesen wie Bäumen der Fall ist, so ist auch Yggdrasil nicht unsterblich. So fressen am Fuße des Baumes Hirsche die Triebe ab während unterirdisch Schlangen an den Wurzeln nagen. Da Yggdrasil aber wie bereits erwähnt die Welt stützt und zusammenhält, ist die logische Konsequenz, dass auch die Welt um sie herum nicht unsterblich ist. Und auch davon, wie dieses Weltenende aussehen wird, hat man in der nordischen Mythologie eine ganz genau Vorstellung: Das Stichwort lautet Ragnarök.

Das Ende der Welt – Ragnarök

Die Welt in der nordischen Mythologie ist nicht auf Unendlichkeit ausgelegt. Das wissen auch schon die Götter, und so beginnt der Anfang vom Ende auch ausgerechnet mit dem Tod eines der ihren, den die Götter so schmerzhaft zu verhindern versucht hatten.

Balder, ein Sohn Odins uns seiner Gattin Frigg ist eine jener Gestalten, bei der man von Anfang an befürchten muss, sie seien einfach zu perfekt für diese Welt: Von allen gemocht, immer gut und freundlich, ist er der Liebling der Götter. Als er eines Nachts von seinem eigenen Tod träumt, setzt seine Mutter alle Hebel in Bewegung, um diesen zu verhindern. Dazu nötigt sie allen Dingen auf der Welt das Versprechen ab, ihren Sohn nicht zu verletzen. Einzig eine kleine Mistel wird von dem Schwur befreit – sie scheint einfach zu jung und harmlos, als dass man sie einen solchen Schwur leisten lassen könnte. Eine Entscheidung, die sich als großer Fehler herausstellen sollte…

Loki, das Enfant Terrible unter den Göttern, sieht Balders Beliebtheit gar nicht gerne. Und als er dann von dem kleinen Mistelzweig erfährt, eröffnet sich ihm die Chance, auf die er gewartet hat. Als sich die Götter eines Tages einen Spaß daraus machen, mit verschiedenen Dingen nach dem nun unverletzlichen Balder zu werfen, überredet der listige Gott Hödur, Balders blinden Bruder, den Mistelzweig nach diesem zu werfen – und macht ihn so unfreiwillig zum Brudermörder.

Die Götter versuchen im Anschluss Balder aus der Unterwelt zurückzuholen, doch auch dieser Versuch wird von Loki vereitelt, weil er sich als einziges Wesen auf der ganzen Welt weigert, um den guten Gott zu trauern. Auch wenn Loki im Anschluss daran fürchterlich für seine Tat bestraft werden wird, kann das Weltenende nicht mehr abgewendet werden.

Ragnarök beginnt mit einem drei Jahre andauernden Krieg. Ihm folgt der schreckliche, ebenfalls drei Jahre währende Fimbulwinter. Es kommt zu Überschwemmungen und Naglfar, das Schiff aus den Nägeln der Verstorbenen, setzt die Segel. Heimdall bläst in das Gjallarhorn um Götter und Menschen zu warnen. Die Einherjer – die in der Schlacht gestorbenen Krieger, die Odin in Wallhall versammelt und auf den letzten Kampf vorbereitet hat, machen sich zum Kampf bereit und das große Gemetzel beginnt: Die Regenbogenbrücke Bifröst stürzt ein, der Gott Tyr und der Höllenhund Garm töten sich ebenso gegenseitig wie Thor und die Midgardschlange. Odin wird vom Fenriswolf verschlungen, Loki und Heimdall fallen beide im Kampf gegeneinander. Der Feuerriese Surt setzt schließlich die ganze Welt in Brand – doch schließlich wird aus diesem Chaos eine neue, bessere Welt entstehen. Eine Welt, in der auch der gute Balder wieder unter die Lebenden zurückkehren soll…

Das war dann also Teil 2 meiner kleinen Serie zur nordischen Mythologie für euch. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Wer noch einmal Teil 1 nachlesen möchte, hier geht es zum Artikel:

Die nordische Mythologie Teil 1 - Was versteht man eigentlich unter Nordischer Mythologie?

Im nächsten Teil, der erscheinen wird, wenn er eben fertig ist, möchte ich mich ich mich etwas eingehender mit einigen der Göttern beschäftigen. Ich würde mich freuen, wenn ihr wieder reinlest.
Feedback ist natürlich erwünscht. Auch wenn ihr Fehler entdeckt, würde ich mich über eine Anmerkung freuen.

Montag, 6. Oktober 2014

Nordische Mythologie, Teil 1 - Was versteht man eigentlich unter Nordischer Mythologie?

Ich habe mir überlegt, dass ich von heute an regelmäßig (angestrebt ist fürs erste einmal die Woche) einen etwas ausführlicheren Artikel zu einem Thema, das mich selbst interessiert und beschäftigt, veröffentlichen möchte. Für den ersten Zeitraum habe ich beschlossen, das Thema Nordische Mythologie auszuwählen und einzelne Facetten näher vorzustellen.
Ich interessiere mich sehr für Geschichte und Geschichten und studiere außerdem Skandinavistik – was lag also für den Anfang näher als die Welt der nordischen Mythen? Beginnen möchte ich die Serie heute mit einer allgemeinen Fragestellung:

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff ‚Nordische Mythologie‘?

Dann also mal los: Unter der Überschrift „Nordische Mythologie“ fasst man die Mythen der skandinavischen Länder aus der vorchristlichen Zeit zusammen. Wer sich mit dieser Mythologie beschäftigen möchte, beschäftigt sich also im Wesentlichen auch immer mit der frühen Geschichte von Dänemark, Schweden, Norwegen und Island. Die Mythen weisen jedoch auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den festlandgermanischen Mythen auf. Viele der Mythen handeln von vorchristlichen Göttern und ihren Taten und geben somit auch einen Einblick in die vochristliche Religionswelt in Skandinavien. Hierbei muss man jedoch vorsichtig sein, da viele der uns heute vorliegenden Quellen aus christlicher Zeit stammen und somit kein authentisches Bild vorchristlichen Glaubens geben. Hinzu kommt, dass der vorchristliche Glaube in Skandinavien keineswegs einheitlich war. So wurden beispielsweise an verschiedenen Orten unterschiedliche Götter bevorzugt.
Finnland bleibt in diesem Rahmen übrigens – obwohl zu den nordischen Ländern gehörend – weitestgehend außen vor, da der sprachliche und kulturelle Hintergrund der Finnen ein ganz anderer ist.

Woher stammt unser heutiges Wissen zur nordischen Mythologie?


Die nordischen Mythen, die wir heute kennen, stammen aus einer Zeit, in der Schriftlichkeit noch nicht weit verbreitet war. Trotzdem wissen wir heute ja einiges über diese Mythologie. Um zu erläutern, wie es dazu kommt, möchte ich hier kurz auf die uns zur Verfügung stehenden Quellen eingehen:

1. Archäologische Quellen:

Archäologische Quellen sind wichtige Zeitzeugnisse des Lebens im vorchristlichen Skandinavien. Einige Funde zeigen dabei Motive aus der nordischen Mythologie. Beispiele hierfür wären unter anderem Amulette mit Thorshämmern oder Runen- und Bildsteine, die bekannte Motive nordischer Mythen darstellen. So fand man beispielsweise auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland einen Bildstein, auf dem unter anderem Odins achtbeiniges Pferd Sleipnir abgebildet ist.
Bei der Betrachtung solcher archäologischen Quellen für sich alleine gibt es natürlich ein Problem: Hätten wir nur diese Quellen, vermochten wir sie häufig gar nicht richtig zu deuten. Wer sollte beispielsweise ein in einem Grab gefundenes, hammerförmiges Amulett mit einem Gott namens Thor in Verbindung bringen, wüsste er nicht aus anderer Quelle von der Existenz jenes nordischen Gottes. Auch ein achtbeiniges Pferd auf einem Stein käme uns ohne das nötige Hintergrundwissen wohl eher seltsam vor. Trotzdem gibt es etwas, das diese Funde enorm wichtig macht: durch sie kann nämlich gezeigt werden, dass es sich bei den Göttern wie Thor oder Odin tatsächlich um Gestalten handelt, die für die in einer bestimmten Zeit lebenden Menschen eine besondere Bedeutung besaßen. Es handelt sich hierbei also nicht einfach um nette Geschichten, die man sich in der winterlichen Langeweile am Feuer erzählte, sonst hätte man sie kaum in der Kunst verewigt oder sich mit einem Amulett, welches eindeutig mit einem dieser Götter in Verbindung steht, begraben lassen.

2. Schriftliche Quellen:


Dass wir heute so viel über die nordische Mythologie wissen, liegt jedoch vor allem an der recht guten Lage an schriftlichen Quellen – auch wenn diese Quellen leider gewisse Tücken aufweisen.
Die frühsten schriftlichen Quellen zur nordischen Mythologie stammen – wie könnte es anders sein – von den Römern, die ja bekanntlich äußerst fleißig waren im Sammeln von Wissen in schriftlicher Form. Gerne genannt wird in diesem Zusammenhang Tacitus mit seiner „Germania“ aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Leider sind die römischen Quellen in religiösen Fragen meist eher kurz und allgemein gehalten, oft stehen hinter ihnen auch noch ganz eigene ideologische Absichten der Verfasser. Götternamen wurden zudem oft nicht übernommen, sondern quasi in den römischen Götterkosmos übertragen.

Hintergedanken machen auch andere Quellen, wie die Aufzeichnungen des Kirchenmannes Adam von Bremen, zu einem mit Vorsicht zu betrachtenden Genuss.

Viel interessanter und ergiebiger gestaltet sich da ein Blick in das mittelalterliche Island. Das Zauberwort heißt hier Edda – ein Wort übrigens, dessen genaue Bedeutung und Ursprung bis heute im Dunkeln liegen.

Unter diesem Begriff versteht man heute zwei verschiedene Schriften. Zum einen wäre das die so genannte Lieder-Edda, auch als ältere Edda bekannt, die sich der nordischen Mythologie in Versform annähert. Die Verfasser hinter den Liedern sind unbekannt, ebenso ihre genaue Entstehungszeit. In der Form, die wir heute kennen, stammt sie jedoch aus dem Island des 13. Jahrhundert. Ursprünglich besaß diese Schrift gar keinen Titel und wurde erst nachträglich Edda genannt, wohl in Anlehnung an einen anderen Text, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, weswegen wir heute eben von zwei verschiedenen Texten als Edda sprechen.
Obwohl die Textsammlung aus dem christlichen Mittelalter stammt, enthält sie weitaus ältere Stoffe aus der Zeit mündlicher Überlieferungen. Durch die Versform konnten sich solche Texte oft über einen langen Zeitraum ohne größere Veränderungen retten, weshalb man davon ausgehen kann, dass nicht zu verachtende Teile der Lieder noch in relativ ursprünglicher Form vorliegen. Trotzdem ist es äußerst wahrscheinlich, dass sich auch spätere Einflüsse in ihnen wiederspiegeln. Man darf sie also nicht unkritisch als Dokumente vorchristlichen Glaubens betrachten.

Die andere Edda kennt man unter dem Namen Prosa-Edda, auch oft als jüngere Edda bezeichnet. Zugeschrieben wird sie dem isländischen Skalden (das waren die norwegischen und isländischen Dichter der Wikingerzeit und des Mittelalters) Snorri Sturluson, auch wenn dieser sie möglicherweise nur in Teilen verfasst hat. Eigentlich ein Handbuch für angehende Skalden, enthält sie viele wertvolle Quellen zur nordischen Mythologie.
Man geht heute davon aus, dass Snorri bei seiner Arbeit unter anderem auch Lieder der älteren Edda als Quelle nutzte. Darüber hinaus müssen ihm aber auch noch andere, möglicherweise auch nur mündlich überlieferte Quellen zur Verfügung gestanden haben, die heute jedoch als verloren gelten. Erschienen ist die Prosa-Edda im 13. Jahrhundert und stammt damit ebenfalls aus einer Zeit, in der der Glaube an die alten Götter schon lange der Vergangenheit angehörte. Nur zur Veranschaulichung: Island, wo die Schrift verfasst wurde, nahm im Jahr 1000 das Christentum an. Entsprechend enthält die Prosa-Edda auch ein Vorwort, das den Glauben an die alten Götter als Irrglauben der Vergangenheit abtut. Dennoch beschäftigt sich der Text ausgiebig mit eben jenem alten Glauben und gibt viele Informationen über die vorchristlichen Vorstellungen zur Entstehung, zum Funktionieren und zum zu erwartenden Untergang der Welt. Die Prosa-Edda ist also eine unerlässliche Quelle, wenn man sich mit der nordischen Mythologie beschäftigen möchte.

Dies soll als Einführung in das Thema auch erst einmal genügen. In der nächsten Woche möchte ich mich dann etwas näher mit dem Bild der Welt beschäftigen, das in der nordischen Mythologie gezeichnet wird.
Ich hoffe, Ihr fandet diesen kleinen Exkurs interessant oder nützlich und lest auch nächstes Mal wieder rein.
Die nordische Mythologie ist ein komplexes Thema und ich habe versucht, diese Einführung möglichst einfach, aber dennoch vollständig und verständlich zu gestalten. Wenn ihr dennoch Fehler entdeckt oder Ergänzungen machen wollt, würde ich mich über einen Kommentar oder eine Nachricht freuen.

- - -

Zum Abschluss hier noch eine kurze Übersicht über von mir verwendete, hilfreiche Literatur:

Edda. Die Götter- und Heldenlieder der Germanen. Nach der Handschrift des Brynjolfur Sveinsson. Übertragen von Karl Simrock. Anaconda Verlag 2007. (Neuauflage einer alten, aber guten Edda-Übersetzung. Ohne Schnick und Schnack, dafür unschlagbar günstig.)

Die Edda des Snorri Sturluson. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause. Reclam 1997. (Wer nicht gerade plant, sich selbst zum Skalden ausbilden zu lassen, fährt mit dieser Auswahl aus der Snorra-Edda sehr gut. Hier gibt es viel über die nordische Mythologie zu lernen und außerdem hilfreiche Anmerkungen sowie ein Nachwort von Arnulf Krause, der wohl zu den wichtigsten gegenwärtigen Skandinavisten in Deutschland zählt, und das alles natürlich zum immer fairen Reclam-Preis.)

Heiko Uecker: Geschichte der altnordischen Literatur. Reclam 2004. (Deutsches Standardwerk zur mittelalterlichen skandinavischen Literatur. Gehört ins Bücherregal jedes Skandinavisten. Das Buch enthält einen ausführlichen Teil zur eddischen Literatur und bietet sich als Unterstützung zum Lesen der manchmal nicht ganz einfach verständlichen Lieder-Edda an.)

Mittwoch, 4. Juni 2014

Buchvorstellung: Die Bücher vom Heiligen Gral von Bernard Cornwell

Meine nächste Buchvorstellung führt ins Mittelalter. Auch dieses Mal handelt es sich wieder nicht um einen einzelnen Roman, sondern um eine Romantrilogie. Ich möchte euch die "Bücher vom heiligen Gral" von Bernard Cornwell vorstellen.

Inhalt:

Die Trilogie beginnt mit dem Roman "Der Bogenschütze" (Original: Harlequin). Die Handlung setzt am Ostermorgen des Jahres 1342 ein. Der junge Thomas muss miterleben, wie sein Dorf an der englischen Küste von einer Gruppe französischer Schiffe überfallen wird. Die Gruppe unter Führung eines mysteriösen, schwarzen Ritters, der sich als "Harlekin" bezeichnet, brennt das Dorf nieder, tötet die meisten Einwohner und stiehlt den Kirchenschatz, die Lanze von Sankt Georg. Thomas' Vater, der Pfarrer des Dorfes, überlebt den Überfall nicht. Bevor er jedoch stirbt, verrät er seinem Sohn noch, dass es sich beim Harlekin um einer Verwandten handele. Thomas schwört Rache für den Tod seines Vaters, doch dieses Vorhaben lässt sich nicht so leicht in die Tat umsetzen. Sein Feind scheint ihm immer einen Schritt zuvor zu sein und verfügt anscheinend über die mächtigste Waffe des Christentums, den heiligen Gral. Auch kann er sich nicht voll und ganz auf die Suche konzentrieren. Als Bogenschütze wird er in den Hundertjährigen Krieg hineingezogen.

Im zweiten Band "Der Wanderer" (Original: Vagabond) erhält Thomas schließlich vom englischen König den offiziellen Auftrag, den Heiligen Gral zu suchen. Die Suche entwickelt sich auch zu einer Reise in die Geschichte seiner eigenen Familie. Als Soldat hat Thomas zusätzlich noch zahlreiche Schlachten im Hundertjährigen Krieg zu schlagen, doch irgendwann trifft er dann endlich wieder auf den schwarzen Ritter, dem er Rache für den Tod seines Vaters und die Zerstörung seines Dorfes geschworen hatte.

Im abschließenden Band der Trilogie, "Der Erzfeind" (Original: Heretic), läuft die Handlung auf das große Finale zu, und das im Großen wie im Kleinen. Im Hundertjährige Krieg werden immer blutigere Schlachten geschlagen und Thomas kommt auf seiner Suche nach dem Geheimnis des Heiligen Grals seinem Ziel immer näher...

Fazit:

Bernard Cornwell ist einer der ganz großen Autoren moderner und spannender historischer Romane. Eine seiner großen Stärken ist die Beschreibung von Schlachten. Diese sind ihm auch in den Büchern vom Heiligen Gral überaus gut gelungen. Die Kämpfe des Hundertjährigen Krieges werden hier vor den Augen des Lesers in all ihrer Grausamkeit und Brutalität lebendig. Dennoch verliert der Autor sich nicht in übertrieben blutigen Metzeleien. Stattdessen vermittelt er einen guten Einblick in die Strategien der Kriegsführung, in den Einsatz der unterschiedlichen Waffen und die Gefühle der kämpfenden Soldaten.

Die Rahmenhandlung schien mir im Falle dieser Trilogie jedoch etwas ungewöhnlich. Mit der Suche nach dem Heiligen Gral wird eines der ältesten Themen der europäischen Literatur aufgegriffen. Der Gral fungiert hier jedoch nur als Rahmen für die Suche von Thomas nach seiner Familiengeschichte. Insgesamt finde ich, dass sich die Gralsgeschichte nicht besonders gut in die Gesamthandlung einfügt. Mich persönlich hat sie eher irritiert bis genervt, als dass ich sie als spannend betrachtet hätte. 

Insgesamt ist die Trilogie, wie alle Bücher, die ich bisher von Bernard Cornwell gelesen habe, durchaus lesenswert. Jedoch handelt es sich bei den "Büchern vom Heiligen Gral" für mich um eines der schwächeren seiner Werke. Anfängern würde ich empfehlen, mit einem anderen Buch des Autors zu beginnen. Empfehlenswert finde ich zum Beispiel die Uthred-Reihe oder die Artus-Chroniken.

Meine Wertung:

♥ ♥ ♥
[3/5]