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Worum es geht:
Nach einem schweren Schicksalsschlag nimmt die Biologin Eva einen Sommerjob weit draußen in der norwegischen Natur an. In einem kleinen Städtchen in Vestfold ist ein in Norwegen als ausgestorben geltender Käfer, der Eremit, aufgetaucht, und Eva soll diesen nun suchen und dabei gleich die Wälder kartieren. Was eigentlich eine persönliche Auszeit werden sollte, entwickelt jedoch bald eine ganz eigene Dynamik, als die Forscherin die Einheimischen mit ihren ganz eigenen Ansichten und Problemen kennenlernt. Unter ihnen ist auch Evas neue Nachbarin Olga. In der etwas exzentrischen alten Dame findet Eva nicht nur eine gute Freundin, sie wird ganz ungewollt auch in die Angelegenheiten des Ortes mit hineingezogen, der eng mit Olgas Familiengeschichte verbunden ist. Als dann auch noch wirtschaftliche Interessen die einzigartige Natur bedrohen, muss sie sich entscheiden, ob sie sich weiter nur als außenstehende Besucherin betrachten oder sich für ihre neue Freundin und die einzigartige Landschaft, die sie so schnell lieben gelernt hat, einsetzen möchte.
Meine Meinung:
Der Roman „Der Einsiedlersommer“ der norwegischen Schriftstellerin und Professorin für Naturschutzbiologie Anne Sverdrup-Thygeson entführt seine Leser tief in die skandinavische Natur. Riesige, unberührte Wälder und unwegsame Landschaften abseits der Zivilisation sind nämlich der vorübergehende Arbeitsplatz der Protagonistin Eva, die sich dort auf die Suche nach einem seltenen Käfer begeben soll. Osmoderma eremita, der Eremitenkäfer, galt in Norwegen eigentlich als ausgestorben, bis eine zufällige Sichtung mitten in einer kleinen Stadt in Vestfold plötzlich für Aufregung unter Naturschützern sorgt. Als die Kommune dann jemanden sucht, der dieser Sichtung auf den Grund geht, lässt sich Eva nicht zweimal bitten. Ihre Motive sind jedoch nicht allein beruflicher Natur. Nach einem persönlichen Schicksalsschlag braucht sie Abstand von ihrem alten Leben – und wo ließe sich der besser finden als auf einsamen Wanderungen in der norwegischen Natur?
Es dauert jedoch nicht lange, bis die enthusiastische Forscherin feststellen muss, dass im vermeintlichen Paradies nicht nur die erhoffte Ruhe auf sie wartet. Durch die Begegnung mit ihrer neuen Nachbarin Olga, einer exzentrischen, alten Dame, die ihr komplettes Leben in der Gegend verbracht hat, wird Eva in deren Familiengeschichte verwickelt, die geprägt ist von unausgesprochenen Geheimnissen, während mit Hallvard ein Mann in ihr Leben tritt, zu dem sie sich auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt. Und auch ihr Job erweist sich bald als schwieriger, als es zunächst den Anschein machte, denn nicht nur die Naturschützer haben ein Interesse an den Schätzen der lokalen Natur. Die Gegend beherbergt nämlich nicht nur seltene Tiere und Pflanzen, sondern auch ein großes Vorkommen an dem begehrten Gestein Larvikit. Während Eva also immer tiefer in die Angelegenheiten ihrer vorübergehenden Heimat gezogen wird, muss sie einige wichtige Entscheidungen treffen und dazu noch einen Weg finden, mit den noch frischen, eigenen Wunden ihrer Seele umzugehen.
Mich hat „Der Einsiedlersommer“ vom ersten Moment an durch seinen spannenden Aufbau und den guten Lesefluss überzeugt. Verschiedene Themen werden in dem Roman geschickt verflochten und ergeben erst langsam, Stück für Stück, ein komplettes Bild. Im Zentrum der Geschichte stehen dabei – anders, als der Titel vermuten lassen könnte – zwei Frauen, Eva und Olga. Auf den ersten Blick könnten die beiden kaum unterschiedlicher sein: die eine jung und wissbegierig, die andere alt und abgeklärt. Und trotzdem ist da etwas, was die beiden zueinander hinzieht und was ihnen ermöglichst, sich einander zu öffnen und eine Freundschaft aufzubauen. Nicht immer geht es dabei ganz harmonisch zu, denn beide sind auf ihre ganz eigene Art stur, doch genau deswegen gelingt es ihnen wohl auch, gemeinsam zu wachsen und Dinge anzugehen, die zuvor unmöglich schienen. So scheut sich Eva nicht, unbequeme Fragen zu stellen und bringt dabei Dinge ans Licht, die sonst vielleicht mit Olga gestorben wären und zwingt sie mit ihrer direkten Art immer wieder aus ihrer Komfortzone. Auf der anderen Seite hilft Olga aber auch Eva, ihren Weg wiederzufinden und weist sie auch hin und wieder in ihre Schranken, was diese manchmal auch wirklich bitter nötig hat.
Auch die Natur ist ein wiederkehrendes Thema im Roman, und obwohl ich mir gewünscht hätte, dass diesem Aspekt noch etwas mehr Raum eingeräumt worden wäre, fand ich den generellen Umgang mit dem Thema doch gelungen. Der Eremit, ein eher unscheinbarer Käfer, wird hier zum Streitthema, das eine ganze Gemeinde spaltet und fundamentale Fragen nach dem Stellenwert von Naturschutz stellt. Kann ein Käfer genug Sympathie wecken, um Menschen für den Wert der Natur um sie herum zu sensibilisieren? Wie findet man einen Kompromiss zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen? Da wir der Geschichte aus Evas Perspektive folgen, ist es für die Leser quasi unmöglich, den Wert der Natur nicht zu erkennen. Es ist unverkennbar, wie sehr diese die Wälder liebt, und die lebhaften Naturbeschreibungen machen auch sehr gut greifbar, woher diese Liebe stammt. Andererseits macht der Roman es sich aber auch nicht so einfach und präsentiert uns in Form von Hallvard auch die andere Seite: die Probleme einer wirtschaftlich schwachen Region und die Schönheit des unter den Wäldern schlummernden Gesteins. Ganz wie im wahren Leben ist eben selten etwas einfach nur schwarz oder weiß.
Zu guter Letzt taucht Anne Sverdrup-Thygeson in „Der Einsiedlersommer“ aber auch noch tief in die norwegische Geschichte ein, wo noch ganz andere Wunden als die vom Tagebau in der Landschaft schlummern. Im Fall von Olga zeigt sich dabei deutlich, wie tief solche Wunden gehen können und wie sie ein ganzes Leben, vielleicht sogar das Schicksal einer ganzen Familie, prägen können.
Für mich war der Roman eine Lektüre, die ich von der ersten Seite an sehr gerne gelesen habe. Nicht immer war ich mit den Taten der Protagonistin Eva einverstanden – ganz im Gegenteil hat mich ihr eigensinniger und manchmal wirklich egoistischer Charakter regelmäßig fast in den Wahnsinn getrieben - stets habe ich jedoch mit ihr mitgefiebert, als sie sich in den Wäldern und Bergen auf die Suche nach dem Eremiten gemacht hat und sich voller Leidenschaft für die Natur um sie herum eingesetzt hat. Das Herzstück für mich war jedoch am Ende die spannende Lebensgeschichte Olgas, dem die Leser hier gemeinsam mit Eva und der alten Dame selbst auf den Grund gehen durften und die so stark geprägt war von der Zeit und dem Ort ihres Lebens.
Wer sich für Frauenschicksale, Familiengeheimnisse und lebhafte Naturschilderungen begeistern kann, findet in diesem Roman eine lohnenswerte Ergänzung für die eigene Leseliste.
Der Einsiedlersommer | Anne Sverdrup-Thygeson | dtv | Originalpreis: 23,00€ | Link zum Buch






