Es gibt Geschichten, die begleiten einen eine lange Zeit. In meinem
Fall ist „God Child“ eine solche Geschichte. Kennengelernt habe ich die
Serie im Jahre 2003, als die Daisuki auf den Markt kam. Und ich war
gleich begeistert. Kaori Yuki, die ich bereits von ihrer damals
ebenfalls laufenden Reihe „Angel Sanctuary“ kannte, war meine
Lieblingsmangaka, ich liebte den düsteren Zeichenstil und die morbiden
Story-Elemente – eine Einschätzung, die ich offensichtlich nicht mit der
Mehrheit der Daisuki-Leser teilte. Neben all den Liebesgeschichten
fristete „God Child“ ein eher ungeliebtes Dasein, bis es dann eines
Tages unabgeschlossen aus dem Heft genommen wurde.
Und da begann mein Dilemma: in meiner Kleinstadt-Jugend hatte ich
keinen regelmäßigen Zugang zu Mangas, das Taschengeld war ebenfalls
limitiert. Am Ende fehlten mir also Bände, was mich sehr lange gewurmt
hat. Glücklicherweise ist man als Sammler ja auch immer ein kleines
bisschen Jäger, sodass ich mir dieses Jahr endlich den lang gehegten
Wunsch erfüllen und die Serie mit Gebrauchtbänden (und das zu humanen
Preisen!) vervollständigen und sie in meinem Urlaub zum ersten Mal
komplett und am Stück lesen konnte. Und was soll ich sagen: sie hat auch
über zwanzig Jahre später für mich nichts von ihrem Zauber verloren!
Doch worum geht es überhaupt? Im Zentrum der dreizehn Bände
umfassenden Geschichte steht der junge Count Cain Hargreaves. Seine
noble Arroganz kann kaum verbergen, dass er kein sehr glücklicher Mann
ist. Seine Familie gilt als seit Generationen verflucht, und so gilt
auch er als eigensinniger Eigenbrötler, von dem man sich besser fernhält
– gerade auch wegen seiner berüchtigten Expertise in Sachen tödlicher
Gifte.
Als wir den Grafen kennenlernen, ist er jedoch nicht mehr ganz so
allein wie in seiner tragischen Kindheit, denn an seiner Seite findet
sich stets sein aufopferungsvoller Butler Riff. Die beiden teilen eine
Beziehung, die sich schwer in Worte fassen lässt, die jedoch immer
wieder den Neid anderer auf sich zieht, die Cain einen solch engen
Vertrauten nicht gönnen. Später stößt mit der kleinen Merryweather auch
noch Cains lebhafte Halbschwester dazu und sorgt dafür, dass Cains
Einsamkeit endgültig der Vergangenheit angehört.
Es gibt jedoch jemanden, der Cain nicht einmal das kleinste Glück
gönnt, und zwar ausgerechnet sein leiblicher Vater Alexis, der im
Zusammenhang mit einer gefährlichen Geheimorganisation namens Delilah
steht. Seine Motive bleiben lange ein Rätsel, doch die Gefahr, die von
Delilah ausgeht, beschränkt sich nicht nur auf Cain und seine
Verbündeten, sondern erstreckt sich auf ganz London. Der junge Count ist
sich seiner Verantwortung, seinem Vater das Handwerk zu legen bewusst,
doch wie soll er das mit seiner wenigen Unterstützung schaffen?
Eine so lange Serie in wenigen Worten zusammenzufassen, ist gar
nicht so leicht – zumal sich in „God Child“ nicht immer alles um die
Mainstory rund um Cains Kampf gegen Delilah dreht. Diese ist zwar
wirklich extrem spannend und wartet immer wieder mit überraschenden
Wendungen auf, den kompletten Charme des Mangas zeigt sie jedoch meiner
Meinung nach nicht. Was ich persönlich an der Reihe besonders geliebt
habe, waren die vielen kleinen Episoden, die nicht oder nur lose mit der
Hauptstory verbunden waren.
So landet Cain nämlich immer wieder mehr oder weniger zufällig in
düsteren Kriminalfällen. Mysteriöse Morde, die es zu klären gilt oder
unerklärliche Vorkommnisse, die auf eine Auflösung warten – und das
alles im herrlichen Setting des viktorianischen Londons!
Immer wieder gibt es außerdem Bezüge zu den für unsere heutige
Zeit manchmal ziemlich grausam wirkenden Kinderreimen von „Mother
Goose“, welche etwa aus der gleichen Zeit stammen, und der große
Kontrast zwischen der scheinbaren Leichtigkeit dieser Reime und ihres
düsteren Inhalts hat mich beim Lesen damals wie heute mit seiner
Morbidität fasziniert.
Wer die Werke von Kaori Yuki kennt, weiß, dass sie bei der
Darstellung viktorianisch inspirierter Mode brilliert. Rüschenkleider,
aufwändige Frisuren mit Korkenzieherlocken – gerade bei der Ausarbeitung
ihrer Frauen- und Mädchenfiguren scheut die Mangaka keinen Aufwand, und
am Ende wartet stets ein traumhaftes Design, das irgendwo zwischen der
tatsächlichen Epoche und Einflüssen von Gothic und Visual Kei Style
seiner Zeit liegt.
Beachtlich in Sachen Optik und auch bei der Story ist übrigens die
große Konsistenz der Story. „God Child“ ist nämlich über einen Zeitraum
von über zehn Jahren entstanden, mit einer mehrjährigen Pause nach Band
5. Trotzdem weist die Geschichte meiner Meinung nach keinen störenden
Bruch auf, selbst die inhaltliche Wiedereinführung in die Story nach der
Pause geschieht so clever und behutsam, dass sie kaum auffällt.
Und für die unter euch, die die Reihe ebenfalls gelesen haben:
können wir darüber sprechen, wie schön die Beziehung zwischen Cain und
Riff ist? Ich liebe die beiden einfach, und ich liebe, was sie
füreinander sind und finde die Beschreibung auf einer der letzten Seiten
des Mangas einfach extrem passend – definitiv kein Dienstverhältnis,
aber auch kein Liebesverhältnis. Irgendwie *mehr*, anders, nicht in
Worte zu fassen. (Und nein, das ist kein Boys Love Titel, und Cain ist bei seinen Frauengeschichten kein Kind von Traurigkeit. Doch genau darum gibt es ja Fanfics).
Ich denke, es ist zu diesem Zeitpunkt bereits sehr deutlich
geworden, dass „God Child“ eine klare Empfehlung von meiner Seite ist.
Wer sich für unheimliche und düstere Geschichten erwärmen kann und auch
mit tragischen und brutalen Inhalten umgehen kann, ist hier (wie auch
bei den anderen Werken der Mangaka) bestens aufgehoben!
God Child | Kaori Yuki | Carlsen Manga | Buchausgabe vergriffen, E-Books verfügbar | Genre: Shojo, Mystery | Empfohlen ab 12 Jahren | Link zur Reihe