Ziemlich aufgeregt war ich, als der zu Carlsen gehörende C Lines Verlag vor einiger Zeit die deutsche Veröffentlichung des koranischen Webtoons "Semantic Error" ankündigte, war ich doch in der Vergangenheit schon häufiger auf Lobeshymnen für den Titel gestoßen. Ende Mai war es dann endlich soweit und der erste Band wanderte gleich mit mir nach Hause.
Doch worum geht es eigentlich? Im Mittelpunkt der Geschichte steht der eigenbrötlerische Informatikstudent Sangwoo. In seinem Fach kann ihm niemand so leicht das Wasser reichen, doch mit den Feinheiten zwischenmenschlicher Beziehungen tut er sich deutlich schwerer, was ihn jedoch eigentlich wenig zu stören scheint. Er liebt sein strukturiertes Leben, ist diszipliniert und erwartet dies auch von seinen Kommilitonen. Als diese ihn bei einer Gruppenarbeit hängenlassen, macht er zwar klaglos die Arbeit alleine, streicht dafür jedoch ihre Namen aus der Präsentation, was den Designstudenten Jaeyoung seinen Abschluss kostet und seine Zukunftspläne gefährdet.
Als Jaeyoung Sangwoo schließlich zu dieser Situation konfrontiert wird schnell klar, dass bei den beiden jungen Männern Welten aufeinanderprallen. Während der lockere und offene Jaeyoung fest davon ausgeht, eine Entschuldigung von Sangwoo zu verdienen, versteht dieser gar nicht, wofür er sich entschuldigen sollte. Ursprünglich durch einen Zufall kreuzen sich ihre Wege erneut, und Jaeyoung beginnt einen perfiden Racheplan: er schleicht er sich in jeden Bereich von Sangwoos Leben ein, um dessen streng strukturierte Abläufe durcheinanderzubringen. Doch während Sangwoo sich nichts mehr wünscht, als den "semantischen Fehler" Jaeyoung aus seinem Leben zu entfernen, fängt dieser bald an sich zu fragen, ob es wirklich Rache ist, die er sucht - oder nicht doch eher die Aufmerksamkeit seines schrulligen Kommilitonen.
"Semantic Error", illustriert von Angy und basierend auf einer Webnovel von J. Soori, ist - man ahnt es schon - ein Boys Love Webtoon, doch in diesem ersten Band ist von Liebe zwischen den beiden Protagonisten noch wenig zu spüren. Stattdessen steht hier ganz der Konflikt im Fokus, und ich konnte beim Lesen gar nicht anders als mit Sangwoo mitzuleiden, als sein ordentliches Leben von Jaeyoung durcheinandergebracht wurde. Besonders spannend fand ich dabei den extremen Kontrast zwischen den beiden Charakteren. Während es Sangwoo mit seinem starken Bedürfnis nach Ordnung und Disziplin unmöglich ist, zu erfassen, warum sich Jaeyoung eine Entschuldigung von ihm erhofft, fehlt es Jaeyoung an Einfühlungsvermögen um zu verstehen, wie tief sein Verhalten Sangwoo stresst. Obwohl es - zumindest zu diesem Zeitpunkt - im Comic nicht thematisiert wird, ist ziemlich offensichtlich, dass hier mit Sangwoo und Jaeyoung ein neurodivergenter und ein neurotypischer Charakter aufeinandertreffen. Sangwoo schätzt sein geordnetes Leben nicht, er braucht es, um zu funktionieren - während Jaeyoung sein wiederholtes Eindringen in dessen Welt wie ein Spiel betrachtet.
Zur Optik: Webtoon-typisch kommt "Semantic Error" komplett in Farbe daher. So knallig wie auf dem Cover sind die Zeichnungen dabei aber eher selten. Stattdessen bilden sie oft eher schlicht den Studentenalltag der Protagonisten ab, was meiner Meinung nach sehr gut zur Story passt. Eingestuft ist der erste Band ab 16 Jahren - wahrscheinlich, weil er trotz des Humors durchaus ernstere Themen behandelt (denn, sind wir einmal ehrlich: was Jaeyoung hier tut geht durchaus als Mobbing durch). Außerdem gibt es fairer Weise bereits einen Hinweis darauf, dass die insgesamt fünf Bände umfassende Reihe ab dem dritten Band durch die unzensierte Veröffentlichung nur noch für volljährige Leser geeignet sein wird. Wer also ein Problem mit expliziten Darstellungen hat, kann sich so bereits von Anfang an überlegen, ob dieser Titel der Richtige ist. Als kleines Gimmick für die Sammler unter uns liegt der ersten Auflage übrigens auch noch eine schicke Photocard bei.
Ich jedenfalls freue mich bereits jetzt darauf, der Geschichte im dieser Tage erscheinenden zweiten Band von "Semantic Error" weiter zu folgen. Der faszinierende Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren hat mich sehr neugierig gemacht, wie es den beiden wohl möglich sein wird, einander näher zu kommen und die lockere Erzählweise hat mir beim Lesen große Freude bereitet. Mir scheint, der Webtoon wird seinem hervorragenden Ruf durchaus gerecht.