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Samstag, 3. November 2018

Auf den Spuren der Nibelungen - Städtetrip nach Worms

Sogar ein kleiner Kurzurlaub war bei mir in diesem Jahr mal wieder drin. Zusammen mit meiner Mutter ging es ins Rheinland-Pfälzische Worms. Schon die Anfahrt mit der Bahn machte Lust auf diesen Urlaub, verlief die Bahnstrecke doch zu weiten Teilen äußerst malerisch am Rhein entlang. Egal wann und wo man aus dem Fenster blickte, die nächste Burg war nie weit. Perfekt für mich als bekennender Mittelalter-Fan!

Angekommen in Worms ging es dann erstmal auf die Suche nach unserem Hotel. Dabei hat es uns für unseren Aufenthalt in das Hotel Boos verschlagen, was sich als ganz vorzügliche Wahl herausstellte. Die Lage war perfekt, weder weit entfernt von Bahnhof, noch von der Innenstadt. Außerdem stellte sich das Hotel als etwas ganz Besonderes heraus. Es handelt sich nämlich um ein Themenhotel, welches sich ganz einem der Themen in Worms schlechthin gewidmet hat - den Nibelungen. Dieses sagenumwobene Geschlecht aus der bekannten Sage begegnet einen in diesem Hotel an allen Stellen. Buntglasfenster erzählen Episoden aus der Sage und im Speisesaal gibt es gar ein unheimlich liebevoll gestaltetes, kleines Nibelungenmuseum. Auch der unheimlich freundliche Inhaber des Hotels erzählt einem gerne die eine oder andere Anekdote. Und wenn man ganz viel Glück hat und eine aufmerksame Elfe ist, dann überreicht einem der Zwergenkönig Alberich höchstpersönlich vielleicht sogar ein kleines Stück Gold aus dem sagenumwobenen Nibelungenhort. ;)

Anfahrt und Hotelsuche verliefen jedenfalls so reibungslos, dass uns im Anschluss noch Zeit blieb für eine erste kurze Besichtigung der Stadt, die wir dann in den nächsten anderthalb Tagen fortsetzten. Es stellte sich bald heraus, dass Worms für jemanden wie mich, der sich für Geschichte interessiert, ein sehr lohnenswertes Ausflugsziel ist. Themen, die einem dabei immer wieder begegnen, sind das Mittelalter, die Nibelungen sowie Martin Luther, was mich als gebürtige Wittenbergerin natürlich auch interessiert. Auch die lange jüdische Geschichte der Stadt ist Aufmerksamkeit wert und ein Besuch des alten jüdischen Friedhofs "Heiliger Sand" kann ich jedem Touristen nur empfehlen. Es handelt sich hierbei um einen wirklich faszinierenden Ort der wirkt wie von der Zeit vergessen. Doch Achtung: Männer dürfen den Ort nur mit einer Kopfbedeckung betreten, was man im Vorfeld wissen sollte!

Blick auf den Dom

Berühmt ist die Stadt unter Anderem auch für ihren romanischen Dom, der neben den Domen von Speyer und Mainz zu den drei rheinischen Kaiserdomen zählt und den wir natürlich auch von allen Seiten, von außen und von innen besichtigten. Drinnen gab es allerhand über die lange und bewegte Geschichte des Gotteshauses zu lernen, aber besonders aufgefallen ist mir dabei ein ziemlich modernes Detail über dem Domportal. Wenn man ganz genau hinsieht, kann man dort zwischen all den kirchentypischen Heiligendarstellungen nämlich ein ziemlich ungewöhnliches Gesichtchen entdecken - das eines Dackels. Dieser wurde erst im 20. Jahrhundert dort angebracht, und es gibt auch eine außergewöhnliche Hintergrundgeschichte dazu. Der Dackel gehörte nämlich dem Dombaumeister, der in den 20er Jahren an dem alten Gemäuer arbeitete. Der treue Hund biss seinem auf einem Gerüst arbeitenden Herrchen damals ins Bein und zwang ihn so, einen Schritt zur Seite zu gehen. Damit rettete er ihm das Leben, als wenige Sekunden später ein Stein auf die Stelle hinunterfiel, wo der Baumeister zuvor noch gestanden hatte. Da ist es doch wahrlich kein Wunder, dass dem Dackel im Anschluss ein solches Denkmal gesetzt wurde!

Auch die Geschichte der Reformation in Deutschland ist eng mit der Geschichte von Worms verbunden. Immerhin wurde hier 1521 der berühmte Reichstag abgehalten, an dessen Ende die Ächtung Martin Luthers stand, nachdem dieser sich geweigert hatte, seine Ansichten zu widerrufen. Folglich begegnen einem auch heute noch die Spuren Luthers allerorts in Worms, unter Anderem in Form eines gewaltigen Denkmals.

Luther-Denkmal

Und dann wären da natürlich noch die Nibelungen. So ist Worms ja bekannt für seine Nibelungen-Festspiele und hat dem deutschen Nationalepos sogar ein ganzes Museum gewidmet - seit der Schließung des Nibelungenmuseums in Xanten das einzige Museum, welches sich ganz dem dramatischen Stoff widmet. Ein Besuch durfte da natürlich nicht fehlen. Das Museum liegt architektonisch spannend in einem Teil der historischen Stadtmauer, was natürlich einiges zur passenden Stimmung beiträgt. Außerdem fällt es aus dem Rahmen eines gewöhnlichen Museums, weil es quasi über keinerlei Exponate verfügt. Wer das Museum besuchen möchte, sollte dennoch einiges an Zeit mitbringen, denn das Museum hat es sich zum Ziel gesetzt, seinen Besuchern die Nibelungensage zu erzählen. Mit Audioguide macht man sich auf den Weg und hat gleich zu Beginn die Qual der Wahl: möchte man das Museum im Zeichen von Wagners "Ring der Nibelungen" besichtigen oder doch lieber dem ursprünglichen Sagenstoff näherkommen, indem man sich mit dem unbekannten Dichter auf Spurensuche begibt?

Wir entschieden uns an jenem Tag für den ursprünglichen Sagenstoff und lernten so beim Aufstieg auf den so genannten "Sehturm" allerhand über das Nibelungenlied, seinen unbekannten Erschaffer sowie die Zeit seiner Entstehung. Allein dieser Teil nimmt, wenn man sich wirklich alles anhören möchte, etwas zwei Stunden in Anspruch. Im "Hörturm" kann man sogar mehr Zeit verbringen, denn dort kann man sich auf hölzernen Thronen niederlassen und ganze Passagen des Nibelungenliedes hören. Besonders spannend dabei fand ich, dass die Texte auch im mittelalterlichen Deutsch vorgelesen wurde. Außerdem gab es auch hier wieder eine Menge an interessanten Informationen zum Sagenstoff sowie seiner Rezeption beispielsweise in der nordischen Literatur dea Mittelalters.

Blick auf das Nibelungenmuseum von oben

Irgendwann ist bei so viel Input aber die Grenze dessen, was man bei einem Besuch aufnehmen kann, erreicht, sodass wir uns gar nicht mehr alles anhörten. Hätten wir die Zeit gehabt, hätte ich das Museum gerne ein zweites Mal besucht und so all die Eindrücke aufgeteilt, aber das war ja nun leider nicht möglich.

Doch natürlich bietet Worms nicht nur Geschichte und Kultur, und auch wir haben uns durchaus auch mit anderen Dingen beschäftigt. So lässt es sich in der munteren Innenstadt ganz wunderbar shoppen und Eis essen, und auch ein Besuch in einem der zahlreichen schönen Restaurants direkt am Rhein durfte nicht fehlen.

Mir hat unser Kurztrip nach Worms jedenfalls sehr gut gefallen. Die Stadt hat einiges zu bieten und man kann sich dort als Tourist mit Interesse an Geschichte und Kultur problemlos mehrere Tage beschäftigen. Hinzu kommt, dass die Stadt eine angenehme Größe hat, wir konnten alle unsere Ziele fußläufig von unserem Hotel aus erreichen. Für mich war das ein sehr gelungener Urlaub.

Dienstag, 11. Juli 2017

Lutherjahr in Wittenberg - ein kleiner Reisebericht, Teil 2

Am nächsten Tag ging es in aller Frühe weiter. Kurz gefrühstückt und dann schnell auf den Weg gemacht zum 360° Panorama "Luther 1517" von Yadegar Asisi. Auch hier hatten wir eine Führung und haben so auch die eine oder andere Information erhalten und wurden auf Details aufmerksam gemacht, die uns sonst sicher entgangen wären. Von außen eher unspetakulär, steht man im Innenraum plötzlich mitten in einer gewaltigen Ausgabe von Wittenberg zu Martin Luthers Lebzeiten. Es war wie ein gewaltiges historisches Wimmelbild, in dem sich an mehreren Stellen der Wittenberger Reformator in wichtigen Situationen seines Lebens entdecken ließ. Auch andere wichtige Personen der Stadt zur Zeit der Reformation waren zu finden, so zum Beispiel Luthers Freund und Mitstreiter Melanchthon. Interessant war auch, dass es im Panorama einen Wechsel der Tageszeiten gibt, und sich zu verschiedenen Tageszeiten unterschiedliche Details entdecken ließen. Es lohnt also, eine Zeit lang zu verweilen - man kann unheimlich viel entdecken.

Nach dem Besuch des Panoramas blieb uns Zeit für einen Spaziergang durch die Innenstadt. Die Stadtkirche, Wittenbergs zweite bedeutende Kirche, konnten wir aus zeitlichen Gründen an jenem Tag nur von außen betrachten, ebenso wie das Melanchthonhaus sowie die Cranach-Höfe, an denen wir vorbeispazierten. Aber schließlich brauchten wir auch ein wenig Zeit um uns nach Souvenirs umzusehen, sowohl für die Nachbarn, die sich während unserer Abwesenheit um Haus und Tiere kümmerten, als natürlich auch als Andenken für uns selbst. Ich denke, Martin Luther wäre vermutlich ausgerastet, hätte er sehen können, wofür sein Gesicht heute so alles herhalten darf. So gab es beispielsweise Keksausstecher in der Form seines Gesichtsprofils, Quietscheentchen oder in Luther-Outfit zu kaufen und als der absolute Verkaufsschlager gilt der aufmüpfige Mönch als Playmobil-Figur, inklusive Schreibfeder und Lutherbibel in den Händen. Zugegebenermaßen alles ganz nach meinem Geschmack, aber sicher ein Dorn im Auge manches Christen. ;)

Portal der Stadtkirche

Gegen Mittag entdeckten wir dann eher zufällig eine kleine Ausstellung im Hof des Stadthauses, die für mich zu einem Highlight des Tages wurde. Gezeigt wurden "Unheilige Bilder - Cartoons zu Kirche und Religion heute". Einfach großartig! Viel schwarzer Humor, manch bitterböse Anspielung - ich zumindest kam aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. Gerne hätte ich im Anschluss den Ausstellungskatalog mitgenommen, aber dieser war entäuschenderweise so kurz nach Ausstellungsbeginn vor Ort bereits ausverkauft. Da dachte ich mir mal wieder, dass die Leute wohl nie aufhören werden, das Interesse, das an Cartoons und Comics besteht, zu unterschätzen.

Nach einer wohl verdienten Mittagspause ging es dann in die große Luther-Ausstellung diesen Jahres. Und sie ist wirklich riesig, die Ausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen" im Augusteum am Lutherhaus. Und vor allem ist sie auch gut aufgebaut und spannend. Gezeigt werden, wie der Name ja schon ahnen lässt, 95 verschiedene Objekte, die irgendwie mit Luther in Bezug stehen. Zu jedem der Objekte gibt es dann noch die Lebensgeschichte einer Person, die durch Luther und seine religiösen Ideen beeinflusst wurde. Viele der präsentierten Personen kennt man - so zum Beispiel Astrid Lindgren, doch manche waren zumindest mir auch völlig unbekannt. Von allen kam man jedoch Aspekte zu Gesicht, die man so vorher noch nicht betrachtet hatte. Die Texte hatten zudem alle eine Länge, die es möglich machte, sie auch alle bei einem Besuch zu lesen, ohne irgendwann völlig erschlagen aufzugeben, wie es bei manchen Ausstellungen schonmal der Fall ist. In der Ausstellung gibt es übrigens noch eine zweite Mitmach-Ausstellung speziell für Kinder. Diese trägt den Titel "Der Mönch war's!" und führt die Kinder gemeinsam mit Luthers Hund Tölpel durch die Geschehnisse der Reformation. Eine schöne Idee, finde ich.

Wir schlossen unseren Kultur-Marathon durch Wittenberg schließlich im alten Gefängnis ab. Dort gab es die Ausstellung "Luther und die Avantgarde" zu sehen, mit zeitgenössischer Kunst. Da ich mit dieser Art Kunst bisher wenig zu tun hatte, waren mir bis auf Ai Weiwei alle Künstler im Vorfeld vollkommen unbekannt, der Berichterstattung nach scheinen aber doch einige von ihnen in der entsprechenden Szene namhaft zu sein. Der Aufbau der Ausstellung war jedenfalls ziemlich interessant, die meisten Künstler hatten für ihre Werke eine der ehemaligen Zellen erhalten und konnten diese dann gestalten. Als Besucher konnte man die meisten der Zellen dann betreten und alles von ganz nah betrachten. Ich muss zugeben: viele der Werke haben mir persönlich nichts gesagt, ich wusste einfach nicht, was ich damit anfangen soll. Manche haben es aber doch geschafft, mich in irgendeiner Form zu erreichen. Sehr unterhaltsam fand ich gleich das erste gezeigte Werk, "Casting Jesus" von Christian Jankowski. Ein altes, leeres Becken im Keller des Gefängnisses dient hier als Kinosaal, von dem aus man ein Video mit einem Casting für die Rolle des Jesus sieht. Die Kandidaten müssen überzeugend predigen, leidend gucken und natürlich angemessen würdevoll daherschreiten. Eine andere Installation fand ich ziemlich verstörend. Man betrat einen abgedunkelten Raum, der durchdrungen war von beunruhigenden Geräuschen, und mehrere Bildschirme zeigten beklemmende Bilder. Irgendwann blitze auf einem der Bildschirme der Titel "Die 95 Prothesen von Verdun" auf. Auf wieder ganz andere Art beeindruckend war dann gegen Ende ein Roboter, der die Bibel in Kalligraphie mit einem handelsüblichen Füllfederhalter schrieb. Ganz langsam, sodass diese bis zum Ende der Ausstellung fertig sein sollte. Ein Werk erfreute sich bei Erwachsenen, Kindern und Aufsehern großer Beliebtheit, weil es einen Käfig aus durchsichtigen Gitterstäben zeigte, die mit verschiedenen Bonbons gefüllt waren und entnommen werden durften. Im Nachhinein bereue ich es jedenfalls nicht, mir die Ausstellung angesehen zu haben, auch wenn mich Begriffe wie moderne oder zeitgenössische Kunst eigentlich eher ein wenig abschrecken, weil ich zu oft so gar nichts damit anfangen kann.

Das alte Gefängnis

So endete dann auch schon - viel zu früh! - unser Besuch in Wittenberg. Es hätte noch so viel zu sehen gegeben, und für viele der besichtigten Dinge hätte man sich auch gut und gerne mehr Zeit nehmen können. Aber es war ja nicht zu ändern. Wir überlegen schon, wann wir das nächste Mal fahren sollen. Vielleicht nächstes Jahr ja einmal wieder zu "Luthers Hochzeit", dem großen Stadtfest mit Mittelaltermarkt? Mir persönlich würde das jedenfalls sehr gut gefallen, hat doch genau dort vor mittlerweile neun Jahren mein Einstieg in die Welt des Mittelalters begonnen.

Freitag, 7. Juli 2017

Im Lutherjahr unterwegs in Wittenberg - ein kleiner Reisebericht, Teil 1

Mitte Mai bot sich mir zum ersten Mal seit knapp fünf Jahren wieder die Möglichkeit, meine Heimatstadt Wittenberg zu besuchen. Lange stand nicht fest, ob meine Mutter und ich die Reise wirklich würden antreten können. Umso schöner war es dann, als wir uns an einem schönen Sonntag tatsächlich in den Zug setzten und auf den Weg machten.

In Wittenberg erwartete uns schließlich ein Programm, wie es dichter kaum hätte sein können. Schließlich galt es in nur zwei Tagen Verwandte zu besuchen und möglichst viel vom reichen Programm des Lutherjahres mitzunehmen.

Los ging es gleich am Montag nach dem Frühstück mit einer Führung durch die weltberühmte Wittenberger Schlosskirche. Eben jene Kirche, an deren Haupttor Martin Luther 1517 seine 95 Thesen geheftet haben soll. Wer in Wittenberg ist, sollte sich den Besuch dieser Kirche keinesfalls entgehen lassen, schließlich ist sie nicht umsonst UNESCO-Weltkulturerbe und erstrahlt heute aufgrund umfangreicher Sanierungsarbeiten wieder in ganz neuem Glanz. Auch zu einer geführten Besichtigung, wie wir sie an jenem Vormittag erleben durften, kann ich nur ganz herzlich raten, erfährt man so doch unheimlich viel über die bewegte Geschichte des Gotteshauses sowie über die zahlreichen beeindruckenden Kunstwerke, die zur Ausschmückung der Schlosskirche gehören. Für uns bot der Besuch an diesem Tag sogar noch ein ganz besonderes Erlebnis, als eine Gruppe junger Amerikaner sich plötzlich vor dem Altar zu einer Art Flashmob versammelten und ein kleines Chor-Konzert anstimmten - ein Auftritt, der von den zahlreichen Besuchern freudig aufgenommen wurde.
Nur einen einzigen kleinen Wermutstropfen gab es bei unserem Besuch in der Schlosskirche dann aber leider doch: Zumindest Mitte Mai, als die Feierlichkeiten zum Lutherjahr gerade erst begonnen hatten und der Kirchentag kurz bevor stand, glich die ganze Stadt noch einer großen Baustelle. So störten konstante Bohrgeräusche auch den Frieden in der Schlosskirche ziemlich unangenehm und machten es weder den Touristenführern, noch den Touristen leicht, den Aufenthalt in der Kirche richtig zu genießen. Man kann nur hoffen, dass diese Bauarbeiten mittlerweile ein Ende gefunden haben.

Interieur der Schlosskirche

Nach unserem Besuch in der Schlosskirche machten wir uns auf, die Weltaustellung Reformation zu erkunden. Unter dem Motto "Tore der Freiheit" lädt diese Ausstellung zu einem ausgedehnten Spaziergang durch Wittenberg ein, bei dem es allerhand zu entdecken gibt. Insgesamt sieben Torräume gibt es zu besichtigen, wobei wir uns bei unserem Besuch entgegen der eigentlich vorgegebenen Richtung bewegt haben und somit unseren Rundgang am späten Nachmittag am Torraum 1 "Welcome" abschlossen. Zu diesem gehört eine der wohl beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten der Weltausstellung, nämlich eine 25 Meter hohe, begehbare Lutherbibel, von deren Aussichtsplattform man einen umfassenden Rundumblick über Wittenberg bekommt. Da am Tag unseres Besuchs der Aufzug außer Betrieb war, erklomm ich als einziger von uns die Treppen der Stahlträgerkonstruktion (den anderen war das zu mühsam) - ein Aufwand, den ich nicht bereut habe! Ein näherer Blick auf die riesige Lutherbibel lohnt übrigens, sieht man doch nur so, dass ihr "Einband" keineswegs schlicht weiß ist, wie es von Ferne den Eindruck macht, sondern Seite für Seite der Lutherbibel zeigt.

Begehbare Lutherbibel

Auch in den anderen Torwegen gibt es so manches zu sehen. Auf dem Bunkerberg kann man auf verspiegelten Stegen wandeln, hinter der Schlosswiese laden verschiedenste Installationen zum Grübeln ein. Dort findet man beispielsweise eine so genannte "Kompoststadt" sowie eine Installation der Hochschule für Technik in Stuttgart, die mit ihren hohen Stelen aus Kunststoff-Transportkisten entscheidend das Bild des siebten Torraums "Kultur" prägt. Besonders schön ist meiner Meinung nach jedoch der Torraum 6 "Ökumene und Religion" gelungen, wo im Luthergarten hunderte Bäume in Form der Lutherrose gepflanzt wurden. Man kann dort wunderbar entlangspazieren und an jedem der Bäume nachlesen, um was für eine Sorte es sich handelt und wer ihn gestiftet hat. Zu diesem Torraum gehören auch noch der Bayerische Garten mit der größten Krippe der Welt und der schönen Idee, dass man gleich vor Ort ein kleines Samentütchen pflanzen kann sowie das Riesenrad der Seelsorge.

Kunst & Natur vereint in der Weltausstellung Reformation

Verspiegelte Stege auf dem Bunkerberg

Tolle Ideen findet man auch im Torraum 5 "Globalisierung | Eine Welt". Dort steht die LichtKirche, die ich liebend gerne einmal im Dunkeln gesehen hätte. Ein großer Küchentisch ermöglicht Diskussionen über Gott und die Welt und der Segensroboter BlessU-2 spendet Segen zum Mitnehmen - und das sogar in verschiedenen Sprachen.

Zum Nachdenken regt der Torraum 4 am Schwanenteich an. Dort macht eine Installation aus Flüchtlingsbooten auf die Flüchtlingskrise unsere Zeit aufmerksam.

Flüchtlingsboot-Installation auf dem Schwanenteich

Fast schon ein wenig versteckt, aber definitiv einen Besuch wert, ist auch die Württemberger Halle mit ihrer Vorstellung von "Württemberg in Wittenberg", die mit ihren horizontal wachsenden Bäumen ein echter Hingucker ist. - Und so könnte ich noch ewig weiterschreiben, so viel gibt es zu sehen. Wie wäre es zum Beispiel noch mit einem Spaziergang mit Schirm, in den ein Audioguide integriert ist? Oder mit einem Abstecher zu den Glaspalästen Wiener Studierender (die bei unserem Besuch leider noch nicht fertig waren und uns eine Weile ganz schön rätseln ließen)? Auch gibt es unzählige Infopavillions verschiedener Kirchen sowie Organisationen, deren Mitarbeiter alle gerne Auskunft über ihre Anliegen geben. Eine voll funktionsfähige Druckerpresse - ein Nachbau einer Gutenberg-Presse - kann im Pavillion der Schweizer Mission Zwingli bei der Arbeit betrachtet und auch mal selbst ausprobiert werden. Auf ihr wird durchgängig bis zum Ende der Ausstellung die Züricher Bibel gedruckt, nur wenige Seiten jeden Tag. Und überhaupt: alle Beteiligten, mit denen wir gesprochen haben, waren einfach unheimlich freundlich und haben stets den Dialog mit den Besuchern gesucht.

Der Besuch der Weltausstellung Reformation an diesem Tag war für mich persönlich eine spannende Erfahrung. Man sah, wie viel Mühe sich alle Beteiligten bei der Planung gegeben hatten und was für vielseitige, kreative Pavillons, Installationen und Ideen daraus erwachsen waren. So kann ich wirklich nur jedem raten, den es im Rahmen des Lutherjahres nach Wittenberg verschlägt, der Weltausstellung einen Besuch abzustatten und dafür auch genug Zeit einzuplanen. Dabei spielt es auch gar keine Rolle, ob man selber Christ ist, einer anderen - oder wie ich selbst gar keiner - Religion angehört. Hier gibt es für jeden viel zu sehen, viel zu entdecken und viel zu lernen und man nimmt sicher den einen oder anderen neuen Impuls mit nach Hause.

Ziemlich erschlagen von all den Eindrücken machten wir uns nach einem abschließenden Eis auf den Heimweg. Am nächsten Tag ging es dann gleich weiter, und auch da gab es noch so einiges zu sehen. Doch davon werde ich im nächsten Beitrag berichten.