Ein Yuri, der kein Yuri ist - da kam mir für das letzte Thema der #yurijuni2026 Challenge von manga_no_tomodachi ein Titel in den Sinn, der mich schon beim ersten Lesen vor vielen Jahren sehr bewegt hat.
Die zweibändige Mini-Serie "A Lollypop or A Bullet" von Kazuki Sakurabe, basierend auf einem Roman von Igura Sugimoto, wurde hierzulande 2010 von EMA veröffentlicht und damals dem Genre Mystery zugeordnet. Beim näheren Hinschauen hat sie sich in meinen Augen jedoch vielmehr als lupenreine Tragödie entpuppt - mit einer Beziehung zwischen den beiden Protagonistinnen, die sich nicht einfach als Freundschaft fassen, aber auch sonst schwer kategorisieren lässt.
In dem Manga geht es um die dreizehnjährige Nagisa. Ihr Vater ist tot, ihr Bruder hat seit drei Jahren das Haus nicht verlassen und ihre Mutter versucht notdürftig, die Familie über Wasser zu halten. Diese Umstände haben dazu geführt, dass Nagisa schon in ihrem jungen Alter desillusioniert ist und davon träumt, endlich alt genug zu sein um zum Militär zu gehen und dort ihr eigenes Geld, welches sie "harte Munition" nennt, zu verdienen. Eines Tages kommt ein neues Mädchen an Nagisas Schule. Mokuzu ist wunderschön, aber auch exzentrisch und auf viele Arten seltsam - und aus irgendeinem Grund hat sie sich vorgenommen, dass ausgerechnet Nagisa ihre Freundin werden soll.
Lange will Nagisa nichts davon wissen. Irgendetwas an Mokuzu, die ständig Lügenmärchen erzählt, dass sie eigentlich eine Nixe sei, die sich eines Tages in Meeresschaum verwandeln und verschwinden würde, irritiert sie zutiefst. Auch denkt sie, dass Mokuzu, deren Vater ein berühmter Musiker ist, in einer derart anderen Welt lebt, dass die beiden einander niemals werden verstehen können - doch am Ende kommt es ganz anders. Je mehr Nagisa zu hinterfragen beginnt, desto mehr beginnt sie das Lügennetz, das Mokuzu um sich herum aufgebaut hat, zu durchschauen, und was dahinter zum Vorschein kommt, ist so viel grausamer als ihr eigenes Schicksal. Veruneinigungen aus dem Meer entpuppen sich als blaue Flecke, vermeintliche Respektlosigkeiten als Folge vergangener Verletzungen. Doch als die beiden Mädchen endlich beschließen, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, kommt ein Sturm auf, wie man ihn auf keiner Wetterkarte finden kann und schwemmt alle Hoffnung mit sich fort...
Was mir bei "A Lollypop or A Bullet" von Anfang an aufgefallen ist, ist die beklemmende Atmosphäre des Mangas. Nagisa ist kein glückliches Mädchen, aber sie ist so sehr mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt, dass ihr lange nicht auffällt, dass es Mokuzu genauso geht. Als sie es schließlich erkennt, verändert das die Beziehung der beiden - doch sie bekommen keine Chance, herauszufinden, was aus ihnen hätte werden können. Vielleicht sind sie Freundinnen, vielleicht Schicksalsgenossinnen. Vielleicht ist da auch mehr, so fixiert wie Mokuzu auf Nagisa ist, und so fasziniert wie diese ihrerseits von der schönen neuen Mitschülerin mit dem Mund voller süßer Lügen ist.
Was immer es ist oder hätte sein können, es bleibt am Ende der Fantasie überlassen, denn - daraus macht der Titel keinen Hehl - es gibt hier kein Happy End, denn im tiefsten Inneren ist der Manga vor allem ein Titel über Vernachlässigung und Misshandlung und über die schreckliche Machtlosigkeit von Kindern, denen die Stärke und Sicherheit ihres Umfeldes fehlt, sodass am Ende erst in einer Katastrophe enden muss, damit sich etwas ändert.
Als ich diesen Manga vor mittlerweile sechszehn Jahren zum ersten Mal gelesen habe, war ich noch ziemlich jung und fand ihn wirklich beklemmend. Aus heutiger Sicht kann ich viele der Dinge, die von Anfang an angedeutet werden, besser einschätzen, finde ihn jedoch sowohl thematisch als auch von der Umsetzung noch immer sehr intensiv.
Wer mit den doch schwereren Themen kein Problem hat, dem würde ich den Titel wärmstens ans Herz legen.
A Lollypop or A Bullet | Kazuki Sakuraba & Igura Sugimoto | Egmont Manga | Genre: Mystery | Originalpreis: 7,50€

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