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Sonntag, 8. Februar 2015

Buchvorstellung: Patrik Wirén - Revolten, Rörelsen, Refused

Heute gibt es von mir mal eine Buchvorstellung zu einem Buch, welches bedauerlicherweise nur in Schwedisch vorliegt. Das grenzt den Leserkreis natürlich ziemlich ein, aber eine Vorstellung liegt mir dennoch am Herzen. Und wer weiß, vielleicht findet das Buch ja doch mal seinen Weg zumindest ins Englische. Verdient wäre das jedenfalls.

Autor: Patrik Wirén Titel: Revolten Rörelsen Refused Erschienen: 2014 Sprache: Schwedisch, keine Übersetzung vorhanden

Bei "Revolten Rörelsen Refused" (wörtlich: Die Revolte, die Bewegung, Refused - klingt wie die meisten direkten Titelübersetzungen scheiße, ist aber schätzungsweise doch irgendwie recht informativ) handelt es sich im Kern um ein Sachbuch über die schwedische Hardcore-Punk-Band Refused, die in den 1990er Jahren den Namen des nordschwedischen Städtchens Umeå weit über die Landesgrenzen hinaus zu einem Begriff machten.

Gegründet Anfang der 90er von Dennis Lyxzén und David Sandström erspielte sich die Band mit einer Vielzahl wechselnder Mitglieder bei Hunderten Auftritten bald einen ausgezeichneten Ruf im ganzen Land und schließlich auch darüber hinaus: Touren in Europa und Amerika folgten, drei Alben wurden veröffentlicht, von denen das letzte, "The Shape Of Punk To Come", vielen bis heute als Meilenstein ihres Genres gilt.

Eine Bandbiografie also? Dies mag jetzt im ersten Moment nur für alle interessant klingen, die ohnehin Fans der Band sind - doch das wäre voreilig geurteilt. Beim Lesen zeigt sich nämlich sehr bald, dass "Revolten Rörelsen Refused" mehr ist als eine simple Biografie. Hier wird vielmehr das Bild einer ganzen Szene gezeichnet.

Refused standen damals nämlich keineswegs allein da mit dem, was sie taten. In der ganzen Stadt sprossen scheinbar plötzlich Hardcore-Bands aus dem Boden. Viele zeichneten sich durch ihre Radikalität aus, Straight Edge und Veganismus gehörten oft zum guten Ton. Umeå Hardcore wurde durch Namen wie Abhinanda, Final Exit oder eben Refused zu einer Art Zauberwort für Musikliebhaber auf der ganzen Welt.

In seinem Bucherstling "Revolten Rörelsen Refused" erzählt Autor Patrik Wirén auf gut 250 Seiten von dieser Entwicklung. Dafür hat er über viele Jahre Material gesammelt, Zeitungsartikel gewälzt und eine Vielzahl Beteiligter interviewt. Die Leser erfahren so, wie sich die Musikszene im Umeå der 90er Jahre entwickelte. Zu Wort kommen dabei Menschen mit den verschiedensten Standpunkten, unter ihnen natürlich Musiker, aber auch Leute, die anderweitig in die Szene involviert waren oder sich - wie im Falle eines Polizisten - zwangsläufig mit ihr beschäftigen mussten.

Besonders ausführlich kommen dann aber natürlich doch die Mitglieder von Refused zum Zug, von denen die meisten noch heute in der einen oder anderen Form musikalisch tätig sind. Als Fan von Refused und zahlreicher Bands, die später von deren Mitgliedern gegründet wurden, war dies für mich als Leser wirklich spannend. Besonders die letzte Zeit der Band, die ja schon in der von Gitarrist Kristofer Steen 2006 veröffentlichten Dokumentation "Refused are Fucking Dead" behandelt wurde, erfährt hier nochmal eine ebenso ausführliche wie erhellende Aufarbeitung. Besonders schön ist dabei, dass man die Ereignisse, die zum Ende der Band führten, aus den verschiedenen Sichtweisen aller Bandmitglieder verfolgen kann. Dabei entsteht mit unter der Eindruck einer wirklich beklemmenden Atmosphäre, bei der man sich fragt, wie die Band überhaupt so lange und so produktiv durchalten konnte.

Patrik Wirén ist mit "Revolten Rörelsen Refused" ein Sachbuch gelungen, dass einen in Buchform bisher unbeleuchteten Aspekt der Musikgeschichte behandelt. Das ganze ist natürlich ziemlich "Special Interest", aber welche Veröffentlichung im Bereich Punk/Hardcore ist das nicht? Mein Fazit wäre jedenfalls: Lohnenswerte Lektüre nicht nur für Hardcore-Refused-Fans, sondern auch für alle, die sich für schwedischen Punk/Hardcore oder auch Punk/Hardcore und Straight Edge im Allgemeinen interessieren. 

Meine Bewertung:

♥♥♥♥♥
[5/5]

Hörprobe:


Dienstag, 3. Juni 2014

Konzertbericht: INVSN in Solingen

Gestern Abend war für mich ein besonderer Abend. Ich bin ganz alleine nach Solingen gefahren, um dort ein Konzert in der Cobra anzuschauen. Normalerweise mache ich das ungerne, Konzerte machen gemeinsam einfach viel mehr Spaß als alleine. Aber der Anlass war in diesem Falle zu gut, als dass ich das hätte sausen lassen können und wollen. INVSN aus Umeå gaben sich nämlich die Ehre und spielten ihr einziges Clubkonzert im Westen des Landes.

Wer die Band noch nicht kennt, dem könnte an dieser Stelle tatsächlich mit etwas Namedropping geholfen werden. Am Mikro steht Dennis Lyxzén, allgemein bekannt auch als Sänger mehr oder weniger verflossener Bands wie Refused oder The (International) Noise Conspiracy. Wer eine der besagten Bands schon einmal live sehen durfte, der weiß an dieser Stelle, warum es sich immer lohnt ein Konzert zu besuchen, bei dem dieser Mann beteiligt ist. Trotzdem weitere Namen gefällig? INVSN hätten da noch Sara Almgren im Angebot, die in den vergangenen Jahren vor allem durch ihre Tätigkeit bei den großartigen Masshysteri auf sich aufmerksam gemacht hat. Und die Liste ließe sich für die restlichen Bandmitglieder beliebig erweitern. Aber lassen wir das.

Entstanden sind INVSN aus Dennis Lyxzéns Soloprojekt The Lost Patrol, welches sich bald zur Lost Patrol Band auswuchs, später in Invasionen umbennant wurde und unlängst dann in den auch für nicht-Schweden auszusprechenden Namen INVSN umgetauft wurde. Die Musik hat sich in all diesen Jahren stetig gewandelt und das, was INVSN heute spielen, bezeichnen sie selbst gerne als dystopischen Post-Punk - eine Beschreibung, die den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft.

Doch zurück nach Solingen. Gegen 21 Uhr betrat erst einmal die Vorband Palace Fever die Bühne. Die Solingen Band präsentierten dem Publikum eine Dreiviertelstunde lang ihren Mix aus Rock mit Country-Anleihen.

Gleich im Anschluss betraten dann INVSN die Bühne und eröffneten ihr Set mit dem großartigen "#61". In dem folgenden etwas mehr als einstündigen Konzert präsentierten sie fast ihr komplettes erstes Album, außerdem die englische Version von "En Annan Slags Gud" vom letzten Invasionen-Album, welches nie auf Englisch veröffentlicht wurde. (Und ja, mich wundert immernoch, dass die Band niemanden gefunden hat, der das Album auf Englisch veröffentlichen wollte!) Zwischen den Songs gab es die für Dennis Lyxzén typischen, mal ernsten, mal unterhaltsamen Ansagen. Besonders angesprochen hat mich die Ansage zu "Distorted Heartbeat", in der er davon erzählt hat, wie es dir eines Tages klar wird, dass es nicht stimmt, wenn die Leute dir sagen: Wie du gerade lebst, das mit der Musik und alles, ist nur ne Phase, irgendwann wächst du da raus und kriegst dein Leben auf die Reihe. (Ich schätze, auf das Ende dieser "Phase" warten meine Eltern auch schon seit über 10 Jahren ^^) Besonders unterhaltsam gestaltete sich auch die Zugabe "The Hate". Obwohl die Bühne so klein war und Dennis sich entsprechend nur verhältnismäßig wenig bewegen konnte, war es ihm beim letzten Song irgendwie gelungen, seine Hose zu zerstören. Aus diesem Grund musste er den letzten Song mit einem langen Riss im Stoff auf der Innenseite des Oberschenkels bewältigen, was mein Nebenmann gleich mit den Worten "I can see your balls!" quittierte. :D

Viel zu schnell war das Konzert um 23 Uhr dann auch schon zu Ende, worüber ich trotzdem ganz froh war. So konnte ich mir noch ein Shirt am Merchstand holen und mich dann in aller Ruhe zum Bahnhof begeben. Kurz nach 1 Uhr strandete ich dann in Aachen am Hauptbahnhof, von wo in den nächsten zwei Stunden kein Entkommen war. Nachts als Frau alleine am Bahnhof, das ist in der Regel im besten Fall langweilig, oft aber auch unheimlich. Doch der Aufenthalt gestaltete sich dieses Mal ganz anders als ich erwartet hatte. Schon bald hatte ich Gesellschaft, man fühlte sich verpflichtet auf mich aufzupassen und ich wurde sogar zum Bahnsteig eskortiert. Ein bemerkenswerter Abschluss eines großartigen Konzertabends. 

INVSN für Anfänger: